Dr.-Ing. habil. Wolfgang Schallehn 5. Entwurf eines Diskurs-Kodex, 22.9./4.11.2022
Verständigungsmodus des gesellschaftlichen Menschen
Ein Vorwort zu den Anwenderleitfäden für Discuto-Diskurse ODER Ein „Ethik-Kanon“ leiser Mitdenker
Ich (die Leserin oder der Leser als Akteur!) vermute
- … dass unsere Zivilisation mit ihrer derzeitigen Verhaltensweise ihre, d.h. unsere Lebensgrundlage selbst zerstört. Als Ursache wird der Mangel an Debattenkultur vielfach beklagt – hier liegt ein Weg aus dem Dilemma.
- … dass ausgerechnet die Fähigkeit der Menschheit, ihre Lebensbedingungen zu verändern, letztlich zu dieser Zerstörung führen kann. Dies gilt am auffälligsten dann, wenn Naturressourcen zerstört werden, um „Bedürfnisse“ zu befriedigen, die selbst erst mit hohem Aufwand erzeugt werden.
- … dass wir Menschen das Zusammenwirken unserer kreativen Kräfte auf ziemlich neue Art und Weise gestalten müssen, um diese Zerstörung aufzuhalten. Wunschlisten ändern erstmal NICHTS. Der „gefährliche winzige Punkt“ im Diagramm kann nur herrschen, solange die vielen großen Punkte sich nicht „substanziell“ verständigen. Hier winkt ein Weg aus dem Dilemma mit vielen wohlbekannten Details – und freilich einigen gewöhnungsbedürftigen Features.
- … dass wir uns von dem Mantra trennen müssen „Es müsse nur jede und jeder ihre und seine Meinung frei äußern können – dann werde sich das Richtige schon durchsetzen!“ Meinung frei äußern führt zu nichts, wenn sie im Absonderungsmodus verharrt! Das Richtige setzt sich niemals von selbst durch – es braucht immer Akteure, die es durchsetzen.
- … dass unsere 51% - Demokratie die Wurzel vieler Übel ist. Es ist schon höchst bedenklich, dass mit jeder solchen Entscheidung die überstimmte Hälfte zu „Verlierern“ gemacht werden. Zumal das „Zünglein an der Waage“ gar zu oft im Verdacht suspekter Hintergründe steht… JA/NEIN-Entscheidungen mit „einfacher Mehrheit“ sollte also auf Fälle beschränkt werden, wo dies sachlich bedingt ist. „Konsens“ braucht deutlich mehr.
- … dass die gesamte denkfähige Menschheit die heutzutage dominierenden Entscheidungsverfahren höchst kritisch sieht und für substanzielle Partizipation offen ist. Insbesondere ist für die in einer weitgehend perfektionierten Realwirtschaft Tätigen immer wieder die Frage interessant, wie politische Entscheidungen aller Art durch Einbeziehung der „Weisheit der Vielen“ besser vorbereitet werden können.
- … allerdings auch, dass ich meine eigenen Argumente künftig öfter hinterfragen (lassen) sollte, um zu Entscheidungen im Sinne der Gemeinschaft bestmöglich beizutragen. Paradigmenwechsel in der Debattenkultur bewältigen!
Die Ressourcen der Digitalisierung nutze ich für die Lösung politischer Probleme, indem ich
- … mich in jedem Diskurs auf ein Problemfeld konzentriere, welches nach Inhalt, Konkretheitsgrad und Zeithorizont möglichst klar abgegrenzt ist. Wobei anfangs nur einige wenige sehr allgemeine Problemfelder (Gerechtigkeit, Frieden, Ökologie, Digitalisierung …) thematisiert sind. Perspektivisch sollen dann nach und nach alle Probleme bis hin zu konkreten Projekten in solchen strukturierten Diskursen gelöst werden.
- … zunächst einen Diskurs suche, der meinem momentanen Blickfeld entspricht. Wobei anzunehmen ist, dass es insgesamt mindestens 200 „diskursbedürftige“ Politikfelder gibt. Davon kann ich nur einzelne wenige als substanziell aktiver Teilnehmer wahrnehmen – d.h. zum inhaltlichen Ausformen beitragen. In einer größeren Anzahl von Diskursen bin ich „interessierter schneller Leser“ – wo ich wenigstens durch meine Bewertung das meiner Meinung nach Richtige unterstütze.
- ...in jedem Diskurs mit einem wohlstrukturierten Entwurf des Ergebnisdokumentes arbeite. Das wird in den meisten Fällen ein bereits vorhandener Entwurf von anderen Autoren sein. Nur wenn ich keinen solchen finde, werde ich einen neuen Diskurs starten.
- ...den inhaltlichen Kern jedes Problemfeldes in Form bewertbarer Kernaussagen bearbeite. Diese beiden ersten Schritte realisieren die klassischen Methode, komplexe Probleme in einfachere Teilprobleme zu zerlegen. Deren Lösungen sollen dann die ganzheitliche Lösung des komplexen Problems bilden – hier also in Form des Ergebnisdokumentes. Eine spezifisches Problem politischer Kernaussagen liegt darin, dass sie kurz und prägnant sein müssen – deshalb jedoch meist einer Erklärung bedürfen. Übrigens: Hier sind die „Erklärungen“ in Minimalgröße gedruckt, damit die „Kernaussagen“ schon optisch hervorstechen.
- … durch meine Zustimmung oder Ablehnung jeder Kernaussage mein anteiliges Gewicht gebe. Als „Mitdenker“ tue ich mich etwas schwer, jeder Selbstverständlichkeit mein LIKE zu klicken. Aber das ist wohl im Lichte der Digitalisierung der einzige Weg, um der Weisheit der Vielen gegen jegliche usurpierte Macht Geltung zu verschaffen.
- … durch meine Bewertungen, seien sie nun Zustimmung oder Ablehnung, zu einem Konsens darüber beitrage, in welchem Maß Dissens zu einzelnen Kernaussagen besteht. Der quantifizierte „Konsens über den Dissens“ ermöglicht ein neues Niveau respektvollen gegenseitigen Umganges zwischen Mehrheiten und Minderheiten!
- … meine Bewertung auch bei (anfänglichen) Unsicherheiten und Unklarheiten einbringe, indem ich eine bedingte Zustimmung als „JA, allerdings….“ und eine bedingte Ablehnung als „NEIN, immerhin…“ vorläufig fixiere. Damit startet der Verständigungsmodus. Das blassgrüne LIKE signalisiert also „im Prizip JA, aber ich würde es anders formulieren!“ Und das blassrote DISLIKE signalisiert „im Prinzip NEIN, aber ich sehe ein Körnchen Weisheit, über das zu sprechen wäre!“ Damit wird auch bei sehr unterschiedlichen Ausgangspositionen ein Weg für ganzheitlich beste Lösungen eröffnet!
- … indem ich das Konfliktpotential jeder Kernaussage zunächst für mich vorprüfe und nach Möglichkeit durch konstruktive Kommentare zur ganzheitlichen Lösung beitrage. - Was sind Unklarheiten in Daten und Begriffen, die geklärt werden können? - Was sind Probleme, die gelöst werden können? - Was sind unvermeidbare Benachteiligungen, die aushaltbar zu gestalten sind?
Generell will ich im Diskurs
- …allen für mich positiven Kernaussagen inclusive elementarer Selbstverständlichkeiten meinen Like-Klick und damit mein Quäntchen Gewicht geben. Erst so können sich die leisen Stimmen der Vernunft zu einer unüberhörbaren Kraft zusammenfinden. Viele Intellektuelle finden solche affirmative Acts unter ihrer Würde – stellen sich damit jedoch selbst ins Abseits...
- ...nur solche Beiträge in die Diskussion einbringen, die dem gemeinsamen Ergebnis dienen – also zur Verbesserung des Ergebnisdokumentes oder zur Gewichtung des Wesentlichen. Das ist mein inhaltlicher Beitrag zur Verständigung. Und ich will der Versuchung widerstehen, jedesmal eine „eigene Note“ in die Diskussion einzubringen, was letztlich doch nur zu Zersplitterung und Fruchtlosigkeit der Diskussionen führt.
- ...jeden Beitrag der übrigen Teilnehmer verstehen und würdigen. Das gilt funktionsbezogen für die Moderatoren – sollte jedoch für alle Teilnehmer selbstverständlich sein. In aller Regel beziehe ich zu allen Kommentaren Stellung: „JA“ bedeutet „Einverstanden – sollte berücksichtigt bzw. eingearbeitet werden!“ „NEIN“ meint hingegen „Nicht einverstanden – nicht berücksichtigen!“ Das ist mein „atmosphärischer“ Beitrag zur Verständigung! Nur wenn ein Dissens so grundlegend ist, dass er durch DISLIKE und kritischen Kommentar nicht zur Geltung gebracht werden kann, betreibe ich ein „forken“ des Diskurses, also eine Abspaltung eines konkurrierenden Diskurses ((bisher noch nicht unterstützt)).
- ...in der Rolle als Moderator die Bewertungen und Kommentare der Teilnehmer nach bestem Wissen und Gewissen in das Ergebnisdokument – also in die Kernaussagen einarbeiten. Den oft beklagten Machtmissbrauch der Moderatoren will ich tunlichst vermeiden.
- … alle substanziellen Beziehungen zur gesellschaftlichen Realität nach bestem Wissen und Gewissen berücksichtigen und pflegen. Seinen vollen Effekt kann der Discuto-Diskurs erst entfalten, wenn er über Geschäftsordnung oder ähnliche Regelungen in das gesellschaftliche Leben eingebunden ist. Da diese Voraussetzung anfangs gar nicht erfüllt sein kann und auch später erst nach und nach geschaffen werden kann, sehe ich diesbezüglich eine hohe Verantwortung bei mir als Diskurs-Führendem.
Nachwort des Autors
Mir ist bewusst, dass die meisten Probleme der Menschheit „selbstgemacht“ sind – also eigentlich vermeidbar sind. Was letztlich bedeutet, dass die dem „machen“ vorangegangenen Entscheidungen irgendwie suboptimal waren. Der Verständigungsmodus wird nicht alle Fehlentscheidungen verhindern können.
Wer bis hierher gelesen hat wird sich vielleicht fragen „Was ist denn daran nun neues?“ Von Gutmenschen-Träumereien haben wir längst mehr als genug. Schon in der Lutherbibel steht „Eure Rede sei Ja, ja! Nein, nein! Was darüber ist, das ist vom Übel.“
Aber wenn nun der Hund gerade da begraben liegt? Zwar traut sich niemand zu schreiben, dass Luther diesen oft zitierten Satz aus Matthäus 5:37 falsch übersetzt haben könnte. Immerhin sagen neuere Übersetzungen (z.B. Matthäus 5:37 Neue Genfer Übersetzung (NGU2011)) „Euer Ja sei ein Ja und euer Nein ein Nein; jedes weitere Wort ist vom Bösen.“ Ich würde daraus entnehmen: Sage nur dann JA bzw. NEIN, wenn du wirklich JA bzw. NEIN meinst.
Und schon stellen wir fest, dass es höchst bedenklich ist, Luthers Übersetzung folgend immer nur entweder JA oder NEIN zu sagen. Insbesondere am Anfang und am Ende jedes Diskurses ist zu beachten:
- Wenn am Anfang, also vor Beginn des eigentlichen Diskurses, mit einem schwarz-weiß-Filter(also JA/NEIN) aussortiert wird, wer in den Diskurs einbezogen wird und welche Inhalte in Betracht gezogen werden, dann werden mit hoher Wahrscheinlichkeit echte Chancen verschenkt.
- Wenn am Ende, also als Ergebnis des Diskurses, nur JA/NEIN-Entscheidungen stehen, dann werden die Beteiligten zunächst nur in Sieger und Verlierer aufgeteilt.
Dieses Anfangsdilemma ist der Geburtsfehler vieler, oder sogar aller gutgemeinten Bewegungen, Strömungen, Flügel …. Die selbstauferlegte Beschränkung mag als „Tunnelblick“ oder sonstwie glossiert werden – sie beschränkt gleichermaßen die eigenen Wirkmöglichkeiten wie auch das Zusammenwirken mit inhaltlich benachbarten Initiativen.
Das Enddilemma führt zu einer regelrechten Zertrümmerung der Gesellschaft. Gewiss wollen über 90% der Menschen Frieden, Naturschutz und soziale Gerechtigkeit. Aber der größte Teil der gesellschaftlichen Energie wird durch geschürte Fokussierung auf Abgrenzung und akute Konflikte verpulvert. Es kann doch nicht der Sinn von Demokratie sein, „die kleinere oder sogar die größere Hälfte“ der Beteiligten zu betroffenen Loosern zumachen...
Kritische Leser haben sofort bemerkt, dass Anfangs- und Enddilemma natürlich nur spezielle Zustände sind, an denen die desaströse Wirkung eingleisigen schwarz-weiß-Denkens nur besonders deutlich erkennbar ist. Natürlich(!) ist es immer und überall wichtig, den JA/NEIN-Tunnel durch einen konstruktiven Verständigungsmodus zu ersetzen – bzw. aufzuwerten!
Doch Achtung! Dieser Satz will wörtlich verstanden sein! Es geht keineswegs darum, die JA/NEIN- Kommunikation abzuschaffen – ganz im Gegenteil! „Dein JA sei JA und dein NEIN sei NEIN !“ ist doch eigentlich wunderbar klar. Wo in der Ausgangssituation ein „klares Verhältnis“ vorliegt, soll das das auch klar gesagt werden. Ich denke da an die Restriktionen (Rand- und Nebenbedingungen) in mathematischen Optimierungsverfahren. Und wo als Ergebnis des Diskurses eine klare Entscheidung gebraucht wird ( z.B.: die Brücke wird repariert – oder eben sie wird abgerissen und neu gebaut), da geht es wirklich nur um eindeutiges JA oder NEIN.
Die Crux liegt allerdings darin, dass die „Verhältnisse“ nicht per se klar oder unklar sind. Tatsächlich sind in der Politik nicht „die Verhältnisse“ als solche entscheidend, sondern die Sichten auf die Verhältnisse – oder noch genauer die per Machtverteilung dominierenden Sichten. So gesehen ist es ganz natürlich, dass jede „Macht“ ihren Argumentationstunnel definiert: eine kontrollierte Ausgangssituation und der eigene Tunnel sind der sicherste Weg, um unerwünschte Ergebnisse gar nicht erst entstehen zu lassen.
Und diese Crux schlägt immer wieder zu, sobald eine Macht ihre Basis ignorieren will. Denn die Stimmen der Vernunft sind naturgemäß zunächst leise. Und die ersten lauten Stimmen „auf der Straße“ erschrecken oft mehr die eigenen Mitbetroffenen als die kritisierte Macht. Auch hier ein Fingerzeig an alle Akteure – und insbesondere an die kreative Intelligenz: disruptive Innovationen sind bekanntlich nur dann als solche vertretbar, wenn sie einen echten qualitativen Fortschritt bringen.
Und schon sind wir wieder beim Verständigungsmodus. Respektiert Widersprüche! Einige Mühen wird es kosten, aus anfangs wenigen klaren JA und NEIN zu schließlich ganzheitlich gesellschaftswürdigen JA/NEIN-Entscheidungen zu kommen. Aber billiger ist eine menschenwürdige Zivilisation nicht zu haben! Ständig werden strukturelle Entscheidungen zu treffen sein: zwischen Konsumtion und Investition, zwischen Prävention und Therapie, zwischen Reparatur und Neubau usw. usf.. Die Ressourcen unserer Mutter Erde sind endlich. Immer werden Interessen kollidieren, die jede für sich ihre Berechtigung haben. Verständigt euch!!
Leider ist es gar zu einfach, irgendwelche Widersprüche zu Konflikten hochzukochen, die dann letztlich Partikularinteressen bedienen. Insbesondere national(istisch)e oder soziale Unterschiede lassen sich zu gewaltsamen Konflikten instrumentalisieren. Wo exorbitante Profite winken, finden sich rasch käufliche Demagogen und Populisten, die dem Volke eine „passende“ Ideologie indoktrinieren wollen.
Liebe leise Mitdenker! Seid wachsam! Verständigt euch! Auch wenn der Verständigungsmodus für den gesellschaftlichen Menschen einen Paradigmenwechsel bedeutet, der gelegentlich „gewöhnungsbedürftig“ ist – diese „Gewöhnung“ ist lebenswichtig. Dabei sind die Einzelschritte längst aus verschiedensten Internetportalen bekannt und mit ganz geringer Mühe zu substanziell neuer Wirksamkeit zu verbinden.
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